Wer sich im Zentrum Stavenhagen bewegt und über den Markt geht, begegnet einem großen Namen an einem überschaubaren Ort. Hier wurde Fritz Reuter geboren, hier widmet sich das Literaturmuseum einem Autor, der Mecklenburg weit über seine Grenzen hinaus lesbar machte. Zwischen Marktplatz und Weltliteratur liegt bisweilen nur eine Museumstür.
Reuter fand seinen Stoff in einer Gesellschaft, deren Rangordnungen bis in die Anrede hineinreichten. Wer durfte sprechen, wer musste sich fügen, wer konnte sich einen Widerspruch leisten? Im Niederdeutschen bekommen solche Verhältnisse einen eigenen Ton. Der Witz seiner Figuren ist auch eine Form der Gegenrede; hinter der Komik werden Abhängigkeit und verletzte Würde sichtbar.
Dass diese Geschichten andernorts verstanden und in andere Sprachen übersetzt wurden, verdankt sich ihrer Menschenkenntnis. Man muss Mecklenburg nicht kennen, um zu begreifen, was gesellschaftlicher Dünkel anrichtet oder welche Freiheit im Lachen liegt.
Das Literaturmuseum bewahrt am Ort dieser Herkunft die Spuren eines literarischen Aufbruchs. Museale Exponate führen das Werk auf die Bedingungen seiner Entstehung zurück. Zugleich stellt sich hier eine Frage, die über Literaturgeschichte hinausweist: Welchen Platz erhalten die Erfahrungen einer Region im kulturellen Gedächtnis?
Die Reuterstadt Stavenhagen besitzt mit diesem Haus einen Ort, an dem sich die eigene Überlieferung im größeren Zusammenhang betrachten lässt. Wer Reuter hier liest, kann entdecken, wie viel Welt in Mecklenburg steckt.