Stavenhagen könnte einfach Stavenhagen heissen. Tut es aber nicht. Seit 1949 trägt die Kleinstadt in Mecklenburg-Vorpommern den Zusatz „Reuterstadt“. Das klingt erst einmal nach Ortseingangsschild, Heimatverein und Festrede mit Blumenschmuck. Ist es auch ein bisschen. Aber eben nicht nur.
Der Name verweist auf Fritz Reuter, geboren 1810 in Stavenhagen, Sohn des Bürgermeisters, später einer der wichtigsten Autoren niederdeutscher Literatur. Reuter schrieb über Mecklenburg nicht so, wie Tourismusbroschüren über Landschaften schreiben: mit Abendlicht, Kopfsteinpflaster und ein bisschen Seele. Er schrieb über die Leute, ihre Sprache, ihre Komik, ihre Sturheit, ihre Verhältnisse. Bei ihm wurde das Plattdeutsche nicht zur Folklore, sondern zur Literatur.
Das ist der Punkt. Stavenhagen nennt sich nicht Reuterstadt, weil irgendwo ein prominenter Mann geboren wurde und man daraus Standortmarketing machen kann. Na ja, nicht nur. Der Stadtname erinnert daran, dass auch die sogenannte Provinz ein literarischer Ort sein kann. Reuter nahm das, was andere gern als Hinterland abtun, und machte daraus Stoff: Kleinstadt, Amtsstube, soziale Enge, mecklenburgischer Eigensinn. Daraus entstand keine Postkarte, sondern ein ziemlich genauer Blick auf Gesellschaft.
Offiziell wurde der Beiname im Sommer 1949. Am 4. Juli beschloss die mecklenburgische Landesregierung, Stavenhagen den Titel „Reuterstadt“ zu verleihen. Am 12. Juli, dem 75. Todestag Reuters, wurde die Urkunde übergeben; am 4. August bestätigte der Landtag den Beschluss. Man kann sich die Feierlichkeiten vorstellen: viel Ernst, viel Kultur, vermutlich auch viel Papier.
Aber 1949 ist eben auch ein interessantes Jahr. Nach Krieg und Zusammenbruch suchten Städte, Länder und Institutionen nach neuer Erzählung, nach Kontinuität, nach Figuren, die nicht sofort nach Uniform rochen. Reuter bot sich an: regional verwurzelt, volkstümlich, sprachmächtig, irgendwie ungefährlich und bei genauerem Hinsehen doch nicht banal. Einer, mit dem sich eine Stadt schmücken konnte, ohne gleich grössenwahnsinnig zu wirken.
Der Titel „Reuterstadt“ ist deshalb ambivalent, und gerade darum interessant. Er ist Erinnerungskultur, Lokalstolz, Marketing und literarischer Hinweis zugleich. Er kann nach provinzieller Selbstvergewisserung klingen. Er kann aber auch sagen: Literatur entsteht nicht nur in Hauptstädten, Akademien und Grossverlagen. Manchmal beginnt sie in einem mecklenburgischen Rathaus, in dem ein Bürgermeistersohn zuhört, wie Menschen wirklich reden.
Heute steht der Name auf Schildern, Briefköpfen und Webseiten. Entscheidend ist, ob er dort stehen bleibt. Denn eine Stadt ist nicht schon literarisch, nur weil sie einen Schriftsteller im Namen führt. Reuterstadt zu heissen, wäre dann mehr als Dekor, wenn Stavenhagen mit diesem Erbe etwas anfängt: mit Sprache, Geschichte, Widerspruch, mit dem nicht ganz glatten Blick auf sich selbst.
Fritz Reuter hat Stavenhagen nicht berühmt gemacht wie ein Instagram-Hotspot. Zum Glück. Er hat der Stadt etwas Besseres gegeben: eine Stimme. Seit 1949 steht sie offiziell im Namen.