Jagd oder Lichterfest? Das Theaterkollektiv Reuter 2.0 bringt am 24. Oktober auf dem Stavenhagener Marktplatz eine Parabel nach Fritz Reuter auf die Bühne, über die Macht und ihre beträchtliche Begabung, nichts zu begreifen.
Wer die Macht hat, macht gern auch das Programm. Baron Balduin jedenfalls möchte jagen. Eine große Jagd soll es sein, seinem Rang und Selbstverständnis angemessen. Dass sein Volk zur selben Stunde lieber ein Lichterfest feiern würde, ist aus herrschaftlicher Sicht eine höchst lästige Eigenmächtigkeit. Die Leute haben Wünsche. Schlimmer noch: eigene.
Aus dieser Kollision zweier Abendplanungen entwickelt das Theaterkollektiv Reuter 2.0 einen Streit um die Ordnung der Welt. „Vom kleinen Baron und seiner großen Erleuchtung, die aber nicht stattfindet!“ heißt das Bühnenstück, das am 24. Oktober 2026 um 18 und um 20 Uhr auf dem Marktplatz der Reuterstadt Stavenhagen zu sehen ist. Regie führt Lutz Trautmann. Der Titel verrät bereits, dass man seine Hoffnungen auf die Lernfähigkeit des Barons besser überschaubar hält.
Balduin will bestimmen, doch damit allein ist es offenbar nicht getan. Er möchte auch anerkannt werden. Darin liegt die empfindliche Stelle seiner Selbstherrlichkeit: Gehorsam lässt sich verlangen, Zustimmung weit weniger zuverlässig. Sobald das Volk eigene Vorstellungen entwickelt, gerät deshalb mehr ins Wanken als ein Jagdtermin. Wer darf über die gemeinsame Zeit verfügen? Wer muss zurückstehen? Und wie erträgt einer Widerspruch, der sich selbst für das Maß aller Dinge hält?
Die Figuren des Stücks entstammen Fritz Reuters „Kein Hüsung“. Mit ihnen kommt ein Stoff auf die Bühne, in dem soziale Abhängigkeit und herrschaftliche Willkür tief in das Leben der Menschen eingreifen. Die Parabel führt diese Fragen in einen Konflikt um Jagd und Lichterfest. Hinter der scheinbar kleinen Angelegenheit öffnet sich ein weiter Raum: Zwischen dem Wunsch des Einzelnen und dem Anspruch der Obrigkeit entscheidet sich, was Mitsprache wert ist.
Die Inszenierung bedient sich dabei der Mittel des epischen Theaters. Musik und spöttische Chöre begleiten und kommentieren das Geschehen; sie geben dem Streit einen Widerhall, der über Balduins persönliche Eitelkeit hinausweist. Das Publikum ist eingeladen, dem Baron zuzusehen und zugleich die Verhältnisse zu betrachten, die seinen Eigensinn zur öffentlichen Angelegenheit machen.
Für einen solchen Abend ist der Marktplatz ein reizvoller Ort. Wo städtisches Leben zusammenkommt, wird auf der Bühne verhandelt, wem dieses Zusammenleben eigentlich gehört. Und während das Volk sein Licht entzünden möchte, bleibt die Erleuchtung des Herrschers schon im Titel aus.
Vielleicht ist das die boshafteste Pointe: Balduin möchte durchaus im Licht stehen. Nur aufgehen soll ihm keines.