Wenn Schüler Stadtgeschichte erzählen
Mit dem neuen Schuljahr beginnt in der Reuterstadt Stavenhagen ein besonderes Pilotprojekt: Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen 10 bis 12 des Reuterstädter Schulcampus werden künftig zu jungen Vermittlerinnen und Vermittlern der Stadt- und Literaturgeschichte ausgebildet. In enger Zusammenarbeit mit dem Fritz-Reuter-Literaturmuseum sollen sie lernen, Führungen im Museum und durch ausgewählte Bereiche der Reuterstadt Stavenhagen selbstständig vorzubereiten und durchzuführen.
Das Projekt ist ein weiterer Beleg für die sehr gute und kontinuierlich gewachsene Zusammenarbeit zwischen dem Fritz-Reuter-Literaturmuseum und dem Reuterstädter Schulcampus. Beide Einrichtungen verbinden mit dem Vorhaben schulische Bildung, kulturelle Praxis und regionale Identität. Ziel ist es, junge Menschen nicht nur mit Geschichte und Literatur vertraut zu machen, sondern sie aktiv an deren Vermittlung zu beteiligen.
Im Mittelpunkt steht zunächst die Ausbildung älterer Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 10 bis 12. Sie sollen sich fundierte Kenntnisse über Fritz Reuter, sein Werk, die Literatur des 19. Jahrhunderts, die niederdeutsche Sprache, die Geschichte Stavenhagens und wichtige Orte der Stadt aneignen. Zugleich werden Fähigkeiten vermittelt, die weit über das reine Faktenwissen hinausgehen: freies Sprechen, sicheres Auftreten, der Umgang mit Besucherinnen und Besuchern, Gesprächsführung, Präsentation und Verantwortungsbewusstsein.
Begleitet wird das Pilotprojekt auch durch die Medienpädagogin Melitta Rühle. Sie sieht in dem Vorhaben eine besondere Chance, historische Bildung zeitgemäß und partizipativ zu gestalten. „Geschichte wird für Jugendliche dann lebendig, wenn sie nicht nur zuhören, sondern selbst erzählen, auswählen, fragen und vermitteln dürfen. Genau darin liegt die Stärke dieses Projekts: Die Schülerinnen und Schüler werden zu aktiven Mitgestalterinnen und Mitgestaltern einer neuen Reuter-Rezeption“, sagt Rühle.
Die Ausbildung findet im Laufe des Schuljahres regelmäßig statt und wird von Mitarbeitenden des Fritz-Reuter-Literaturmuseums gemeinsam mit Lehrkräften des Reuterstädter Schulcampus begleitet. Das Museum bringt dabei seine fachliche und museumspädagogische Kompetenz ein, die Schule sorgt für die pädagogische Einbindung und die Begleitung der Jugendlichen im Schulalltag. Durch die medienpädagogische Perspektive werden zudem Fragen der zeitgemäßen Vermittlung, der zielgruppengerechten Ansprache und der bewussten Präsentation von Geschichte, Literatur und Stadtraum aufgegriffen.
Ein besonderer Gedanke des Pilotprojekts ist der Multiplikatorenansatz. Die Schülerinnen und Schüler, die den Kurs erfolgreich absolvieren, können künftig selbst eine wichtige Rolle übernehmen: Sie sollen nachfolgende Kursteilnehmerinnen und Kursteilnehmer unterstützen, Erfahrungen weitergeben und unter professioneller Anleitung an der Ausbildung jüngerer Schülerinnen und Schüler mitwirken. Auf diese Weise entsteht Schritt für Schritt ein nachhaltiges System junger Kulturvermittlerinnen und Kulturvermittler.
Das Projekt versteht sich zugleich als Beitrag zu einer neuen Reuter-Rezeption. Fritz Reuter soll nicht nur als historische Persönlichkeit oder literarischer Klassiker betrachtet werden. Vielmehr geht es darum, seine Bedeutung für Gegenwart, Stadtgesellschaft und junge Menschen neu erfahrbar zu machen. Schülerinnen und Schüler setzen sich aktiv mit Fragen auseinander wie: Was hat Fritz Reuter heute noch zu sagen? Wie lässt sich Literatur des 19. Jahrhunderts für junge Menschen lebendig erzählen? Und welche Rolle spielt Stavenhagen als Erinnerungs- und Identifikationsort?
Damit eröffnet das Pilotprojekt eine Form partizipativer Geschichtsteilhabe. Jugendliche werden nicht nur Adressaten von Bildungsangeboten, sondern selbst zu Akteurinnen und Akteuren. Sie eignen sich Geschichte, Literatur und Stadtraum an und geben ihr Wissen an andere weiter — an Mitschülerinnen und Mitschüler, Gäste des Museums, Besuchergruppen oder Bürgerinnen und Bürger der Stadt.
Am Ende der Ausbildung soll ein Zertifikat stehen, das die erworbenen Kenntnisse und praktischen Fähigkeiten würdigt. Perspektivisch können die ausgebildeten Jugendlichen Führungen im Fritz-Reuter-Literaturmuseum und durch die Reuterstadt Stavenhagen mitgestalten. Damit wird kulturelle Bildung sichtbar in die Stadt getragen.
Für Stavenhagen ist das Projekt mehr als ein schulisches Zusatzangebot. Es ist ein Baustein für lebendige Erinnerungskultur, für die Stärkung regionaler Identität und für eine zeitgemäße Vermittlung des kulturellen Erbes. Wenn junge Menschen ihre Stadt erklären, ihre Geschichte erzählen und Literatur mit eigener Stimme lebendig machen, entsteht eine neue Verbindung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Mit dem Start des Pilotprojekts setzen der Reuterstädter Schulcampus und das Fritz-Reuter-Literaturmuseum ein deutliches Zeichen: Die Reuterstadt Stavenhagen will ihre Geschichte nicht nur bewahren, sondern gemeinsam mit der jungen Generation weiterentwickeln.