Eine Wortbox im Fritz-Reuter-Literaturmuseum soll sichtbar machen, was die Menschen der Reuterstadt bewegt. Aus den Beiträgen entsteht ein künstlerischer Wortfilm.
Bürgerbeteiligung muss nicht immer in institutionellen Formaten stattfinden. In Stavenhagen setzt man in diesem Jahr auf ein bewusst einfaches Mittel: eine Box, Papier und Stifte. Unter dem Motto „Wir haben EUCH gesehen!“ lädt die Reuterstadt Menschen, die mit Stavenhagen verbunden sind, dazu ein, ihre Gedanken, Wünsche und Beobachtungen aufzuschreiben. Die sogenannte Wortbox steht im Fritz-Reuter-Literaturmuseum.
Das Projekt richtet sich an Kinder, Jugendliche und Erwachsene gleichermassen. Angesprochen sind nicht nur Einwohnerinnen und Einwohner, sondern auch jene, die in Stavenhagen arbeiten, lernen, Kultur erleben oder hier regelmässig Zeit verbringen. Die Leitfragen sind offen gehalten: Was bewegt die Menschen? Was wünschen sie sich? Was sollte einmal ausgesprochen werden?
Die Niederschwelligkeit ist Teil des Konzepts. Wer sich beteiligen möchte, kann seine Worte anonym einwerfen oder sie mit Vornamen und Alter versehen. Zettel und Stifte liegen bereit; eigene Materialien können ebenfalls verwendet werden. Ergänzend ist eine Beteiligung über den Instagram-Kanal @wirhabeneuchgesehen möglich.
Aus den gesammelten Beiträgen soll später ein künstlerischer Wortfilm entstehen, der zur Kunst- und Lichternacht Stavenhagen am 24. Oktober 2026 gezeigt wird. Damit verbindet das Vorhaben lokale Partizipation mit kultureller Verarbeitung. Einzelne Äusserungen werden nicht lediglich gesammelt, sondern in eine künstlerische Form überführt, die ein Bild der Stadt und ihrer sozialen Wirklichkeit zeichnen soll.
Offiziell eröffnet wird die Wortbox im Rahmen der Fritz-Reuter-Festspiele vom 26. bis 28. Juni 2026. Zugänglich bleibt sie anschliessend bis zum 15. September 2026. Beiträge mit vollständigen Namen oder personenbezogenen Angaben Dritter können anonymisiert oder von der Verwendung ausgeschlossen werden. Damit wird dem Schutz privater Informationen Rechnung getragen.
Bemerkenswert an dem Projekt ist weniger seine technische oder organisatorische Komplexität als seine Haltung. Es fragt nicht zuerst nach repräsentativen Ergebnissen oder politischen Forderungen, sondern nach Wahrnehmungen, Alltagswünschen und persönlichen Sätzen. Gerade darin kann ein genaueres Bild entstehen als in mancher offiziellen Befragung.
Die im Aufruf genannten Beispiele verweisen auf diese Spannweite: Ein Kind wünscht sich weniger Streit unter Geschwistern. Ein Junge möchte im Handballverein wieder im Tor stehen. Eine erwachsene Person wünscht sich mehr gute Gespräche im Alltag und denkt an einen Lesekreis. Solche Aussagen wirken unspektakulär. Doch sie zeigen, dass Gemeinwesen nicht allein aus Verwaltung, Infrastruktur und Programmen bestehen, sondern auch aus Erwartungen, Enttäuschungen und kleinen Hoffnungen.
Stavenhagen stellt mit der Wortbox somit eine einfache, aber nicht belanglose Frage: Was wird sichtbar, wenn man einer Stadt zuhört, bevor man über sie spricht?