Die Neigung, Literatur politisch zu konfiszieren, ist so alt wie die moderne Öffentlichkeit. Autoren werden dann nicht mehr gelesen, sondern beansprucht: als Kronzeugen nationaler Überzeugungen, als kulturelle Legitimationsfiguren oder als Vorläufer gegenwärtiger Moralsprachen. Am Beispiel Fritz Reuters lässt sich zeigen, wie unerquicklich solche Zugriffe sind. Denn sein Werk verdankt seinen Rang gerade dem Umstand, dass es sich eindeutiger Verwendbarkeit entzieht.
Die Kunst der falschen Eindeutigkeit
Politische Milieus haben einen ausgeprägten Sinn für geistiges Eigentum, jedenfalls für jenes, das ihnen nicht gehört. Sie greifen gern nach Autoren, sobald sich aus ihnen symbolisches Kapital schlagen lässt. Dann wird Literatur zur Belegstelle, der Schriftsteller zur Instanz, das Werk zum Depot gefälliger Sätze. Man liest nicht mehr, um zu verstehen, sondern um sich bestätigt zu sehen.
Darin liegt bereits die Verarmung. Denn Literatur ist kein Parteidokument in anspruchsvollerer Form. Sie lebt nicht von Eindeutigkeit, sondern von der Fähigkeit, Wirklichkeit gegen ihre vorschnelle Sortierung zur Darstellung zu bringen. Wo politische oder ideologische Systeme nach ihr greifen, suchen sie daher fast nie das Werk, sondern dessen Brauchbarkeit. Sie wollen nicht die Form, sondern den Nutzen; nicht die Ambivalenz, sondern das Zitat.
Gerade deshalb ist Skepsis angebracht, sobald Autoren zu kulturellen Besitzständen erklärt werden. Der Vorgang ist fast immer derselbe: Man entnimmt dem Werk, was sich verwerten lässt, und erklärt den Rest zur Nebensache. Die Kunst wird dadurch nicht widerlegt, aber entkräftet.
Ein Autor, den man zu gut unterbringen konnte
Fritz Reuter eignet sich für solche Operationen in besonderer Weise. Er ist einer jener Schriftsteller, die im kulturellen Gedächtnis zugleich präsent und entschärft sind. Geboren 1810 in Stavenhagen, gestorben 1874 in Eisenach, gilt er als einer der grossen Autoren des Niederdeutschen. Das ist richtig und doch bereits der Beginn des Missverständnisses. Denn mit der Einordnung als niederdeutscher Erzähler, als bedeutender Regionalautor oder gar als «Heimatdichter» ist über Reuter fast alles verschwiegen, was ihn literarisch interessant macht.
Er war nicht bloss ein Sammler lokaler Redeweisen und auch nicht der gemütvolle Verwalter norddeutscher Herkünfte. Gewiss: Seine Werke sind ohne Mecklenburg, ohne die soziale Welt des norddeutschen Raums, ohne das Niederdeutsche als Klang-, Denk- und Erfahrungsform nicht vorstellbar. Doch eben darum sind sie mehr als Folklore. Das Regionale ist bei Reuter keine Schranke, sondern Medium der Präzision. Wer ihn auf Mundart und Milieu reduziert, verwechselt literarische Konkretion mit geistiger Enge.
Die Vita als Widerstand gegen jede Glättung
Auch biographisch entzieht sich Reuter der gefälligen Unterbringung. Der Sohn des Stavenhagener Bürgermeisters sollte, dem Willen des Vaters folgend, eine geordnete bürgerliche Laufbahn einschlagen und Jura studieren. Er tat es zunächst auch, in Rostock und später in Jena. Doch der junge Reuter geriet früh in die Spannungen des Vormärz. In Jena bewegte er sich im burschenschaftlichen Milieu, also in jenem Gemisch aus Freiheitsrhetorik, nationaler Erwartung und politischer Erregung, das die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts prägte.
Dass er sich später von radikaleren Entwicklungen distanzierte, bewahrte ihn nicht vor staatlicher Verfolgung. 1833 wurde er verhaftet, 1837 sogar zum Tode verurteilt, ehe das Urteil in Festungshaft umgewandelt wurde. Erst 1840 kam er im Zuge einer Amnestie frei. Solche Erfahrungen lassen sich nicht folgenlos in ein Werk einschreiben. Sie machen aus einem Autor keinen politischen Theoretiker, wohl aber einen, der Macht, Ohnmacht und die Härte staatlicher Zugriffssysteme nicht bloss vom Hörensagen kennt.
Schon deshalb verbietet sich jede harmlose Lesart. Reuter war nicht der unberührte Provinzschriftsteller, als den man ihn später gern disponierte. Seine Biographie trägt die Spannungen der Epoche in sich. Aber auch daraus ergibt sich noch kein politisches Eigentumsrecht. Denn Lebenserfahrung ist nicht mit Programmtreue zu verwechseln.
Literatur ist kein Nachlass für Weltanschauungen
Die politischen und ideologischen Vereinnahmungen der Literatur leben von einer eigentümlichen Ungeduld. Sie können es nicht ertragen, dass ein Werk mehr enthält als eine Haltung. Deshalb wird ausgesiebt. Was anschlussfähig ist, wird hervorgehoben; was stört, verschwindet im Kommentar. Auf diese Weise lässt sich fast jeder grössere Autor nachträglich in Dienst nehmen: der eine für Nation und Herkunft, der andere für Fortschritt und Emanzipation, der dritte für das jeweilige Bedürfnis nach kultureller Legitimation.
An Reuter lässt sich das exemplarisch beobachten. Man kann ihn zum regionalen Identitätsstifter verkleinern, ihn als Stimme norddeutscher Bodenständigkeit ausrufen oder ihn, mit umgekehrtem Vorzeichen, vor allem als politisch verfolgten Autor und liberalen Zeitgenossen lesen. Beides trifft etwas und verfehlt das Entscheidende. Denn Reuters Werk ist weder bloss Herkunftsverwaltung noch bloss politische Zeugenschaft. Es steht quer zu den Eindeutigkeiten, die spätere Leser ihm gern auferlegen.
Das ist kein Defizit, sondern ein Qualitätsmerkmal. Literatur von Rang fügt sich schlecht in nachträgliche Programme. Sie bringt Menschen, Milieus, Interessen und Sprachwelten zur Anschauung, ohne sie auf Thesen zu reduzieren. Genau das macht sie für den politischen Zugriff so unerquicklich. Sie lässt sich verwenden, aber nie vollständig besitzen.
Die Sprache als Form der Wirklichkeit
Besonders deutlich wird das an Reuters Umgang mit dem Niederdeutschen. In flacheren Lesarten erscheint es als dekorative Regionalfarbe, als pittoreskes Idiom mit kulturgeschichtlichem Charme. Tatsächlich aber ist es die eigentliche Form seiner Welterfassung. In dieser Sprache artikulieren sich nicht nur Herkunft und Lokalkolorit, sondern soziale Nähe, Ironie, Standesunterschiede, Denkgewohnheiten und Erfahrungsdichten. Das Niederdeutsche ist bei Reuter kein Accessoire, sondern Erkenntnismittel.
Darin liegt auch eine stille Widerlegung des modernen Funktionalismus. Denn eine Sprache ist in der Literatur nie nur Transportmittel für Botschaften. Sie ist selbst bereits Wahrnehmungsform. Wer Reuter politisch oder ideologisch beansprucht, ohne seine Sprachgestalt ernst zu nehmen, liest an ihm vorbei. Er sieht im Werk bloss Inhalt, wo dieses seine Wahrheit doch erst in der Form gewinnt.
Gegen die Mobilmachung des Schriftstellers
Die Darstellung hat hier eine einfache, wenngleich nicht immer befolgte Aufgabe: Sie sollte Autoren vor ihren Anhängern schützen. Gemeint sind nicht Leser im emphatischen Sinn, sondern jene Sekundärverwerter, die aus Literatur weltanschauliche Infrastruktur machen. Sie suchen im Buch nicht das Fremde, sondern das Verfügbare; nicht die Zumutung, sondern die Einordnung. Der Schriftsteller soll möglichst rasch in den Verkehr der Meinungen eingespeist werden.
Gerade das widerstrebt einer ernsthaften Lektüre. Reuter etwa wird nur dann sichtbar, wenn man ihn weder folkloristisch entschärft noch politisch mobilisiert. Seine Grösse liegt nicht in einer Botschaft, die sich aus seinem Werk destillieren liesse, sondern in einer Art des Sehens. Er beobachtet genau, hört auf Nuancen, nimmt soziale Ordnungen in ihrer Härte und Komik wahr und besitzt jenen Sinn für menschliche Begrenztheit, ohne den Literatur rasch zu Illustration verkommt.
Die Freiheit des Werks
Es ist daher kein antiquarisches Anliegen, die Literatur gegen ihre Vereinnahmung zu verteidigen. Es ist eine Frage der intellektuellen Redlichkeit. Wo man Autoren nur noch daraufhin prüft, welchem Lager sie nützen, verliert man nicht bloss das Werk aus dem Blick, sondern die Fähigkeit zur Unterscheidung selbst. Man ersetzt Lesen durch Zuordnung, Form durch Funktion, Erkenntnis durch Gesinnung.
Fritz Reuter erinnert daran, dass ein Autor gerade dann Bedeutung hat, wenn er sich diesem Verfahren entzieht. Seine Biographie macht ihn nicht zum Parteigänger, sein Regionalbezug nicht zum folkloristischen Fall, seine politische Berührtheit nicht zum Vorläufer beliebiger Gegenwarten. Wer ihn lesen will, muss mehr leisten, als ihn zu beanspruchen. Er muss ihn ernst nehmen.
Das ist, für die Literatur wie für ihre Leser, bereits sehr viel.