Fritz Reuter und die Gegenwart der Freiheit
Ein Geburtshaus, ein Literaturmuseum, ein Wahllokal: Am 20. September kommen im Fritz-Reuter-Literaturmuseum drei Bedeutungen dieses Ortes zusammen. Wo gewöhnlich Handschriften, Briefe und persönliche Gegenstände von einem Schriftstellerleben erzählen, werden Bürgerinnen und Bürger ihre Stimme abgeben. Zunächst eine banale Mitteilung, zunächst, doch in diesem Haus klingt sie nach.
Fritz Reuter wusste, was es heißt, einer Staatsgewalt ausgeliefert zu sein, die politischen Widerspruch verfolgt. Als junger Student gehörte er der Burschenschaft „Germania“ an. Er wurde wegen Hochverrats zum Tode verurteilt, zur Festungshaft begnadigt und verbrachte insgesamt sieben Jahre in Gefangenschaft. Hinter diesen knappen biografischen Angaben liegen verlorene Lebensjahre. Wer sie liest, ahnt, wie wenig selbstverständlich jene Freiheit ist, die sich an einem Wahlsonntag in einer scheinbar unspektakulären Handlung ausdrückt: einem Kreuz auf einem Stimmzettel.
Später fand Reuter als Schriftsteller ein Publikum weit über Mecklenburg hinaus. Er schrieb auf Niederdeutsch und gab einer Sprache literarisches Gewicht, die ihren Ort im Alltag der Menschen hatte. Auch darin liegt eine Frage an die Gegenwart: Welche Stimmen finden Gehör? Welche Erfahrungen werden erzählt, welche überhört?
Das Museum bewahrt die Spuren dieses Lebens. Am Wahltag trifft die Gegenwart auf besondere Weise darauf. Menschen betreten Reuters Geburtshaus, um über die Gestaltung ihres Gemeinwesens mitzuentscheiden.
Der reguläre Museumsbesuch pausiert deshalb am 20. September. Die Frage, die Reuters Lebensgeschichte aufwirft, bleibt im Raum: Was bedeutet es, eine Stimme zu haben? An diesem Sonntag wird sie auch mit einer Tat beantwortet.