Reuter neu gelesen
Fritz Reuter bleibt der Mittelpunkt. Doch er erscheint nicht mehr ausschließlich als verehrungswürdiger Dichter des 19. Jahrhunderts, dessen Werk vor allem bewahrt, erklärt und in den gesicherten Bestand des kulturellen Erbes eingeordnet werden soll. Die neue Reuter-Rezeption richtet den Blick vielmehr auf einen Autor, dessen Texte auch für die Gegenwart Fragen bereithalten.
Gefragt wird nach dem Demokraten Reuter, nach seinen politischen Erfahrungen und nach seinem Blick auf gesellschaftliche Verhältnisse. Seine Werke erzählen nicht nur von einer vergangenen Welt. Sie handeln von Macht und Abhängigkeit, von sozialer Ungleichheit, öffentlicher Moral und den Möglichkeiten individueller Freiheit. Der Schriftsteller tritt damit als genauer Beobachter einer Gesellschaft hervor, deren Konflikte historisch geworden sind, deren Grundfragen jedoch fortbestehen.
Besondere Bedeutung gewinnt dabei die Sprache. Das Niederdeutsche ist bei Reuter nicht bloß ein regionales Kolorit und schon gar kein folkloristisches Beiwerk. Es ist literarisches Ausdrucksmittel, soziale Wirklichkeit und kulturelle Selbstbehauptung zugleich. In einer Gegenwart, die durch mediale Vereinheitlichung und den Rückgang regionaler Sprachformen geprägt ist, erhält dieser Aspekt neue Dringlichkeit. Die Beschäftigung mit Reuter wird so auch zur Auseinandersetzung mit sprachlicher Vielfalt und kultureller Zugehörigkeit.
Das Museum beschreibt diesen Kurs selbst als eine neue Reuter-Rezeption. Treffender ließe er sich als partizipative und gegenwartsbezogene Reuter-Rezeption bezeichnen. Reuters Werk wird nicht mehr nur ausgestellt und erläutert, sondern auf unterschiedlichen Wegen neu angeeignet. Theater und Musik, digitale Medien und wissenschaftliche Forschung treten neben die klassische literarhistorische Vermittlung. Hinzu kommt die bürgerschaftliche Mitwirkung, die das Museum stärker als einen offenen kulturellen Ort versteht.
Darin liegt mehr als eine Modernisierung der Präsentationsformen. Der neue Umgang mit Reuter verändert auch die Rolle des Publikums. Besucher sollen nicht länger allein Empfänger einer feststehenden Deutung sein. Sie werden eingeladen, eigene Perspektiven einzubringen, Bezüge zur Gegenwart herzustellen und an der kulturellen Bedeutung des Autors mitzuwirken.
Aus dem Denkmal wird damit wieder ein Schriftsteller. Reuter bleibt Teil des literarischen Erbes, doch dieses Erbe wird nicht als abgeschlossen betrachtet. Es muss gelesen, geprüft und immer wieder neu befragt werden. Gerade darin könnte die Stärke der neuen Reuter-Rezeption liegen: Sie bewahrt den Autor nicht, indem sie ihn auf Abstand hält, sondern indem sie ihn erneut zum Gegenstand einer lebendigen öffentlichen Auseinandersetzung macht.