Wie alles begann
Dass im längst vergangenen Arbeiter- und Bauernstaat auch Werktätige zur Feder griffen, ist allseits bekannt, dass aber ein ganzes Dorf sich auf den Weg machte, die Bretter, die angeblich die Welt bedeuten, für sich zu erobern, war dann doch auch in der DDR etwas Neues und ganz Besonderes.
So geschehen 1960 in einem mecklenburgischen Dorf. Zum 150jährigen Geburtstag Reuters kam im dramatischen Zirkel des Dorfclubs der Gedanke auf, das gesamte Dorf für die Idee einer Aufführung von Reuters „Kein Hüsung“ zu begeistern. Künstlerische und technische Hilfe wurde durch das Theater Neustrelitz sofort zugesagt.
Gesagt, getan! Ein „Bauerntheater“ wurde aufgebaut. Und alle fanden ihre Rollen, vom Schauspielenden bis zum Einweisenden auf dem Parkplatz- „Ein Dorf spielt Theater“, so das Motto! Und es wurde umgesetzt! Und wie es umgesetzt wurde!
Vor der imposanten Schlosskulisse brachten die 300 Einwohner des kleinen Örtchens Puchow „Kein Hüsung“ auf eine Freilichtbühne. Gezeigt wurde die innige Liebe zwischen Jehann und Mariken, gezeigt wurden aber auch sehr emotional die Leiden, die Not und das große Unrecht, das den beiden im alten Mecklenburg widerfuhr. Reuters sozialkritisches Werk ließ schon damals die Zuschauenden mitleiden. Und die waren sehr zahlreich gekommen- aus allen Ecken der ehemaligen Bezirke Rostock, Schwerin und Neubrandenburg. So viele voll besetzte Busse hatte man in Puchow wohl noch nie gesehen.
Extra für die Aufführungen wurden Zuschauer-Tribünen errichtet. Abend für Abend strömten in der Zeit vom 30. August bis zum 06. September 1960 und dann noch einmal im Juni und Juli 1961 ca. 1000 Interessierte in den Puchower Schlossgarten, um die erschütternde und tragische Geschichte der Liebenden mitzuverfolgen. Alle wollten den Dachdecker Arnold Neuendorf in der Rolle des Jehanns oder die Verkäuferin Erika Clasen als Mariken sehen.
Zu den ingesamt 20 Aufführungen kamen um die 20 000 Zuschauende.
Der besondere Reiz der Open-Air-Aufführungen bestand auch darin, eine Fragestellung zu beantworten: Was kann man in einem Dorf wie Puchow schon groß kulturell tun? Mit dem gemeinsamen Theaterstück, bei dem jeder eine Aufgabe fand, war eine überzeugende Antwort gegeben.
Das ist jetzt fast ein Menschenleben her – 2025 genau 65 Jahre. Die Fragestellung hat auch zum 65jährigen Jubiläum der Fritz-Reuter-Festspiele an Aktualität nichts eingebüßt. Gerne greifen wir sie auf und wollen sie im gesamten Stavenhagener Kulturjahr 2025 mit „Wundern für jeden Tag“ beantworten.